Nautilus Politikberatung - mobilis in mobili: Warum?


Namenspate unseres Netzwerkes ist der zur Gruppe der Kopffüßer gehörende Nautilus (deutsch: Perlboot). Dieses im biologischen Kontext als „lebendes Fossil" bezeichnete Wesen existiert seit dem Eozän, also seit mindestens 38 Millionen Jahren, und war einst in unzähligen Arten und Größen auf diesem Planeten vertreten. „Lebende Fossilien sind rezente Relikte ansonsten längst ausgestorbener Tiergruppen. Man erkennt sie daran, dass sie nur noch in einer geringen Artenzahl rezent vorkommen, jedoch zahlreiche fossile Verwandte haben. Von ihren "modernen" rezenten Verwandten unterscheiden sie sich üblicherweise durch altertümliche Merkmale, die sich sonst in ihrer Verwandtschaft nicht mehr finden lassen. Systematisch gehören sie üblicherweise zu einer systematischen Großgruppe, in der sie die einzigen wenigen rezenten Vertreter darstellen."[1]

Das Generationen übergreifende Politikberatungsnetzwerk Nautilus, das die Generation von 68 mit der von Ü30 verbindet, bietet also Gelegenheit zur zwanglosen Assoziation. Tatsächlich beharren aber nicht nur die ebenso rezenten, wie renitent gebliebenen Vertreter der Protestgeneration in unseren Reihen auf dem normativen Sediment jener im Zuge der französischen Revolution ins Massenbewusstsein gehobenen Werte - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dass diese Werte im Lichte jeweils aktueller Problemstellungen stets neu angeeignet werden müssen, ist eine verbindende zentralen Grundüberzeugungen unseres Vorhabens.
Sodann fühlen wir uns auch von unserer Tätigkeit her den Kopffüßern sympathisch verbunden. Gemeinsam ist Kraken, Kalmaren und anderen Kopffüßern, dass sie alle mehrere Fangarme am Kopf tragen, mit denen sie Beute ergreifen können.[2] Auch hierin sehen wir eine passende Analogie für unser Unternehmen. Der positive Bezug zum Erbe der kritischen Theorie, die den Anspruch des Praxisbezugs allen Denkens nicht preisgeben will, ist essentiell für unsere Herangehensweise. Wir sind davon überzeugt, dass die Reflexion nach wie vor ein wichtiges Instrument zur Emanzipation darstellt. Als Akteure am Schreibtisch streben wir zudem einen kurzen Weg vom Gedanken zur Realisation an.
Aber nicht nur aufgrund der Eigenheiten unseres Namenspatrons aus der Fauna haben wir uns für den Namen Nautilus entschieden.
Das Wort Nautilus kommt vom griechischen Nautilos - „der Segler". Die Verbindung zur Seefahrt liegt für gewagte Unternehmungen nahe. Zwar richtet der Mensch sich und seine Institutionen auf dem festen Land ein. „Die Bewegungen seines Daseins im Ganzen jedoch sucht er bevorzugt unter der Metapher der gewagten Seefahrt zu begreifen." [3] Die nautische Daseinsmetaphorik beinhaltet rettende Ufer, hohes Meer, Riffe, Stürme, oder Kompass, Leuchttürme, Navigation, und nicht zuletzt den Schiffbruch. Nautische Begriffe vermitteln die Abwesenheit verlässlicher Gewissheiten, in einem Medium, das einerseits die Chance bietet „neue Ufer" zu finden, andererseits eine Sphäre der Unberechenbarkeit, Gesetzlosigkeit und Orientierungswidrigkeit darstellt. Schließlich ist dem Entrepreneur mit dem Wunsch nach Liquidität eine weitere metaphorische Verbindung zum Wasser gegeben. Die nautischen Assoziationen finden sich selbstverständlich auch in der Politik wieder. Hier ist vom Staatsschiff die Rede, vom Steuermann und den Lotsen etc. Wir erinnern uns an einen SPD-Werbespot von 1998, der den Kanzlerkandidaten Schröder zeigte, allein und meditierend auf einem Spaziergang an stürmischer See. Tritt man noch einen weiteren Schritt zurück, so finden wir die Erfahrung der Seefahrt auch in der Beschreibung unseres Zeitalters, dem die kollektive Erfahrung gegenwärtig ist, stets und schnell den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das ist die charakteristische Situation der Moderne, dauerhaft auf der Suche nach normativer Selbstvergewisserung zu sein, weil man unsicher ist, woher die Maßstäbe zu nehmen sind, mit denen der zurückweichende Grund überkommender Werte erneuert werden kann. „Sich inmitten der Geschichte an ihr orientieren wollen, das wäre so, wie wenn man sich bei einem Schiffbruch an den Wogen festhalten wollte"[4], fasste Karl Löwith die Probleme moderner Landgewinnung zusammen.
Normative Orientierung aber ist unabdingbar um die radikale Erfahrungsoffenheit zu ermöglichen, die eine moderne Wissensgesellschaft fordert. Das eine ist dauerhaft nicht ohne das andere zu haben. Damit gelangen wir zur zentralen Aufgabe, die Politikberatung unserer Ansicht nach leisten muss - sie muss helfen die Navigabilität politischen Handelns, zu erhöhen. Das leisten wir auf dreierlei Weise:

  • Durch Rückkopplung an Diskurse und Ergebnisse der aktuellen wissenschaftliche Forschung.
  • Durch Übersetzungsleistungen, die zwischen den Diskursen der Politik, der Wissenschaft und der (politischen) Öffentlichkeit wie auch der Sprache der Lebenswelten der Bürger vermittelt.
  • Vor allem aber über die entschiedene Parteinahme für jene Prinzipien, die der Demokratie zu Grunde liegen und aus denen sie sich reproduziert.

Neben dem Bekenntnis zu den republikanischen Grundwerten - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - hängen wir auch der Überzeugung an, dass die Rationalisierung und die Legitimierung von Herrschaft zwei Seiten derselben Medaille sind. Politische Entscheidungen können nur dann Legitimität und Rationalität für sich beanspruchen, wenn sie unter den Bedingungen der Diskursivität - und das heißt, der Inklusion aller von der Entscheidung möglicherweise Betroffenen - zu Stande kommen. In dieser Parteinahme für den prozeduralen Kern der Volkssouveränität in unseren Beratungsleistungen sehen wir unsere primäre Aufgabe. Dieser prozedurale Kern ist die Ermöglichung normativer Orientierung unter Bedingungen einer sich ständig verändernden (Um-)Welt. Als normativer Kompass ist er die Voraussetzung zur Navigabilität: zur Beweglichkeit im Beweglichen. „Mobilis in mobili", jener Spruch, den sich Käpt'n Nemo über den Eingang zur Kommandozentrale seines U-Boots geschrieben hat, ist darum auch das Motto unseres Netzwerkes.

Hier schließt sich der Kreis vom unternehmerischen Wagnis über die Politik und die geschichtliche Situation mit der Existenz des Individuums. Peter Sloterdijk meint, dass es Jules Verne war, der in Kapitän Nemos „mobilis in mobili" den wahren Begriff des Subjekts im Mobilisierungszeitalter formulierte. "Der Sinn der großen Flexibilisierung ist die Macht, in der Gesamtheit aller erreichbaren Orte zu navigieren, ohne selbst für die Erfassungsmittel der anderen feststellbar zu sein. Sich im flüssigen Element als Subjekt verwirklichen."[5]  

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[1] http://www.weichtiere.at/Kopffuesser/nautilus_foss.html [2] http://www.weichtiere.at/Kopffuesser/index.html [3] Hans Blumenberg (1979): Schiffbruch mit Zuschauer.Ffm, S.9 [4] Karl Löwith(1962): Die Hegelsche Linke. Stuttgart, S. 38 zitiert nach Jürgen Habermas (1985): Der Philosophische Diskurs der Moderne. FfM, S. 69 [5] Peter Sloterdijk (1999): Sphären II.Globen. FfM, S. 895